Ein Artikel von Michael Labiner

Geiz ist gar nicht geil

Die Macht des Kunden


Bankrottspirale

Nehmen wir einmal an, Sie wären Verwaltungsangestellter in einem mittelständischen Reisebüro. In jüngster Zeit erhält Ihre Firma immer weniger Aufträge, weil sich immer weniger Menschen Fernreisen leisten können. Die ALDI-Eigentümer (die Brüder Karl und Theo Albrecht) können sich natürlich Fernreisen leisten, haben aber einen Privatjet. Einen Privatjet haben sie, weil sie mit einem Vermögen von rund 26,8 Milliarden Dollar die drittreichsten Leute der Welt sind. So viel Geld besitzen die ALDI-Brüder deshalb, weil Sie in deren Supermärkten einkaufen. Bei ALDI kaufen Sie ein, weil es dort billig ist. Bei ALDI ist es aber nur deshalb billig, weil man knallhart kalkuliert – was nichts anderes bedeutet, als dass man die Hersteller und Zulieferer ausbeutet (dazu gleich mehr). Diese machen irgendwann Pleite und buchen keine Geschäftsreisen mehr beim Reisebüro Ihres Arbeitgebers. Daher herrscht bei ihm nun ebenfalls Ebbe in der Kasse – und auch er meint, nun bei ALDI einkaufen zu müssen. Genau wie seine bankrotten Ex-Kunden und Sie. Merken Sie etwas? Ein Teufelskreis, ganz richtig. Die Preisfrage lautet: Wie kann man ihn durchbrechen?

Zunächst müssen wir uns klar machen, was wir tun, wenn wir für ein Schnäppchen Ausbeutung in Kauf nehmen: Wir beuten uns selbst aus! Geiz ist nämlich gar nicht geil, und wer auf die "Mutter aller Schnäppchen" hört, ist sogar saublöd. Allerdings ist der Kreislauf der Ausbeutung nicht immer ganz einfach zu durchschauen, da er oftmals rund um den gesamten Globus verläuft – Stichwort Globalisierung. Bleiben wir noch für einen Moment beim Beispiel ALDI. Der Konzern ist einer der größten Kaffee-, Tee- und Schokoladenverkäufer Deutschlands und setzt mit seinen niedrigen Preisen Zulieferer und Mitbewerber (die dadurch in dieselbe Abwärtsspirale der Ausbeutung gezwungen werden) unter extremen Druck.

Folgen der Ausbeutung

Die Folgen davon sind katastrophale Arbeitsbedingungen und Löhne weit unter dem Existenzminimum in den Rohstoffländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Dazu kommt u.A. die Abholzung von ökologisch höchst bedeutsamen Mangrovenwäldern in ganzen Küstenregionen, weil massenhaft Shrimpszucht betrieben wird, damit ALDI seine Kunden mit billigen Garnelen aus dem Pazifik beliefern kann.

Allmählich dämmert uns damit ein Zusammenhang mit Schreckgespenstern wie Klimaveränderungen oder einer Völkerwanderung der Armen in reiche Industrienationen. Ehe wir nun aber mit dem Finger auf die Albrecht-Brüder zeigen und Superkapitalisten wie sie für die Flutkatastrophe vor zwei Jahren und die angeblich so kostenintensiven Wirtschaftsflüchtlinge in Deutschland alleinverantwortlich machen, wollen wir tief durchatmen und uns an unsere Rolle in diesem Drama erinnern. Wir sind König Kunde. In unserer Macht und allein in unserer liegt es, die Dinge zum Besseren zu wenden!

Vermeintliche Sparsamkeit

Merke: Wer billigt kauft, der kauft halt manchmal verdammt teuer. Denn es ist ja nicht so, dass sich die negativen Mechanismen des unbewussten Konsums auf ferne Länder und vermeintlich vage Zusammenhänge mit Umweltveränderungen beschränken. Erst im Herbst 2000 revoltierten französische Gewerkschaften, weil ALDI dort Angestellte bis zu 60 Stunden pro Woche arbeiten ließ, ohne Überstunden zu bezahlen. Und aus erster Hand von einem Freund weiß ich, dass die ALDI-Einkaufspolitik für zahllose Firmenpleiten (und damit zahllose neue Zwangssparer und ALDI-Kunden!) verantwortlich ist. So werden Waren wie z.B. CDs und DVDs von ALDI nur bei vollem Rückgaberecht gekauft, wobei man dem Hersteller die geringst mögliche Gewinnspanne von oft nur einem Cent pro Einheit zugesteht.

Das Geschäft scheint dennoch interessant zu sein, da die ALDI-Kette ja extrem große Stückzahlen ordert, um ihre vielen Filialen bestücken zu können. Wehe dem, der für den vermeintlich lukrativen Großauftrag nun Kredite aufgenommen hat und dann auf seiner Ware sitzen bleibt! Karl und Theo Albrecht haben nicht zuletzt deshalb so viele Milliarden gescheffelt, weil sie das Risiko ihrer Billigangebote eben lieber auf andere abwälzen, als es selbst zu tragen.

Vorteile des regionalen Handels

Warum also nicht die Augen öffnen und in uns selbst investieren, indem wir regional und ökologisch hergestellten Lebensmitteln den Vorzug geben, auch wenn sie ein paar Euro mehr kosten? Meist sind diese Produkte ja auch viel gesünder und bekömmlicher als billig produzierter Industrieramsch.

Warum nicht Importwaren aus "Fairem Handel" beziehen, warum nicht zu Tante Emma als zu Onkel ALDI gehen? Nicht zuletzt berauben wir uns durch die Unterstützung für lieblose Selbstbedienungsläden mit gestressten Kassiererinnen doch auch der Kommunikation in unserem Leben. Wer stattdessen mal beim Krämer um die Ecke einkauft, wird den Unterschied erleben!

Dieser Artikel zeigt Ihnen aber nicht nur wie Sie von den Konzernen "an die Hand genommen" werden um sich Ihr Leben zu versüßen und den Geldsack der globalen Riesenunternehmen zu füllen, sondern hält auch eine Fülle von Informationen bereit um Ihnen einen Schlüssel in die Hand zu geben, der es Ihnen ermöglicht, aus dieser Spirale auszubrechen.

Dies ist ein Auszug aus der Depesche
Bewusster Konsum (Heft-Nr. 10/2004)

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