Forscher: Mindestens 58 000 Arzneimittel-Tote - mehr als angenommen
Hannover (dpa)
- In deutschen Kliniken sterben nach Angaben des Forschers Jürgen
Frölich weitaus mehr Menschen durch Arzneimittel als bisher
angenommen. Als Folge unerwünschter Medikamentenwirkungen
müsse mit jährlich 58.000 Todesfällen allein in
internistischen Abteilungen gerechnet werden, sagte der Leiter
des Instituts für klinische Pharmakologie an der Medizinischen
Hochschule Hannover (MHH) am Freitag. In der Hälfte der Fälle
handle es sich um Fehler bei der Medikamentenbehandlung, die potenziell
vermeidbar wären.
Frölichs Ergebnisse basieren auf einer norwegischen
Studie aus dem Jahr 2001, die er auf Deutschland übertragen
hatte. Schätzungen seien bislang von 8000 bis 16 000 Todesfällen
in Folge unerwünschter Arzneimittelwirkungen ausgegangen,
sagte der MHH-Professor, der seine Bewertung in der Fachzeitschrift
"Der Internist" veröffentlicht hatte.
Ärzte
verordneten Medikamente falsch, weil sie zum Beispiel bei Patienten
mit Nierenschwäche die Dosierung nicht anpassten, schreibt
der Pharmakologe mit Verweis auf weitere Studien. Außerdem
berücksichtigten sie das Gewicht der Patienten nicht genügend
oder machten Rechenfehler bei der Dosierung.
Die Risiken
der Arzneitherapie würden offenbar erheblich unterschätzt,
betonte Frölich. Es fehle vielen Ärzten am nötigen
Problembewusstsein. Auf internistischen Stationen der Krankenhäuser
in Deutschland werden nach Angaben des Forschers jährlich
rund sechs Millionen Patienten behandelt. Der MHH-Professor forderte,
die
klinisch-pharmakologische Ausbildung der Ärzte zu verbessern.
Für die
norwegische Studie wurden in einer großen Klinik über
einen Zeitraum von zwei Jahren rund 14 000 Patienten einer internistischen
Abteilung untersucht. Anhand von Blutproben sei die Arzneimittelkonzentration
gemessen worden. Außerdem wurden bei 78 Prozent der gestorbenen
Patienten Autopsien durchgeführt. Von den insgesamt 732 Patienten,
die während des Untersuchungszeitraums starben, war bei 133
ein unerwünschtes Arzneimittelergebnis festzustellen, das
direkt oder indirekt als Todesursache eingestuft wurde. 66 der
133 Todesfälle wären vermeidbar gewesen, da sie inFolge
von Medikationsfehlern - unter anderem falsche Dosierungen auftraten,
schrieb Frölich in der Zeitschrift "Der Internist".
(Berichtigung: In der Überschrift wurde korrigiert "Mindestens
58 000 Arzneimittel-Tote") ©dpa
weiterführende
Depesche:
Nr.18/2003
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